Auf den “Spuren” von Robyn Davidson

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Diesen Australien-Teil meines Blogs möchte ich mit der Geschichte einer Frau beginnen, deren Inspiration, Mut und Willenskraft ihr das einzigartige Erlebnis ermöglichte, den Roten Kontinent in seiner ursprünglichsten Form zu erleben. Ihr Name ist Robyn Davidson und sie wanderte 1977 mit vier Kamelen und ihrem Hund Diggity 2.700 Kilometer weit durch die australische Wüste.

Als sie Mitte der 70er Jahre in die raue Outback-Stadt Alice Springs kommt, wird sie von allen, denen sie von ihrem Vorhaben berichtet, nur belächelt. Doch unbeirrt und aller Widrigkeiten zum Trotz schafft sie es, sich im Umgang mit Kamelen vertraut zu machen, alle für die Reise notwendigen Vorbereitungen zu treffen und schließlich – das Wichtigste – genügend Kamele aufzutreiben.

Die von ihr gewählte Route von Zentralaustralien bis zum Indischen Ozean an der Westküste Australiens führt sie durch einige der abgelegensten und lebensfeindlichsten Gebiete der Erde. Begleitet wird sie streckenweise von zwei Männern, die in ihrer Gegensätzlichkeit die beiden Welten symbolisieren, zwischen denen sie sich befindet: Einerseits der Fotograf Rick Smolan, der für den National Geographic an verschiedenen Punkten ihrer Reise Bilder macht und dessen Anwesenheit sie aus finanziellen Gründen in Kauf nimmt. Andererseits Mister Eddie, ein alter Aborigine, der sie sicher durch eine bei den Ureinwohnern als heilig geltende Region führt und ihr so einen mühevollen Umweg erspart.

In der Weite und Leere der Wüste begibt sich Robyn unwillkürlich auf eine intensive Entdeckungstour zu sich selbst und den großen und kleinen Fragen des Lebens. Sie erlebt ein breites Spektrum an Emotionen – von purer, ausgelassener Lebensfreude bis hin zu tiefer Verzweiflung und ohnmächtig machender Einsamkeit. Sie kommt an Grenzen, die es zu überwinden gilt – um gestärkt und umso bewusster aus diesem Abenteuer hervorzugehen.

Die Worte ihres Buches “Spuren” (englischer Titel “Tracks”) hallen jetzt nach einigen Tagen noch immer nach und führen mich zurück zu meiner eigenen ersten Begegnung mit diesem so fasznierenden Ort. Ohne mir dessen bewusst zu sein, wandelte ich damals im August 2006 für ein paar Schritte auf den Wegen von Robyn Davidson. Ich stand auf der Docker River Road mitten im Uluru-Kata Tjuta National Park und blickte neugierig auf die unebene Straße, die sich vor mir durch die eigentümliche Landschaft aus Spinifexgras, Bäumen in ungewöhnlichen Formen und trockenen Büschen schob. Der feine rote Wüstensand gab sanft unter meinen Füßen nach, als ich langsamen Schrittes Richtung Westen schlenderte. Ein Schild kündigte frohlockend die nächsten Orte an – Docker River: 182 km. Die Grenze nach Westaustralien: 190 km.

Docker River, dieser Name hatte eine ganz eigenartige Wirkung auf mich. Ich verspürte das dringende Verlangen, einfach loszulaufen und alles hinter mir zu lassen. Den in seiner Makellosigkeit hier besonders irrwitzig wirkenden Mietwagen. Das teuerste Hotelzimmer, das ich bis dahin jemals gehabt hatte, aber für die Touristensiedlung Yulara dennoch nur die unterste Preiskategorie war. Den Alltag, der sich langsam aber sicher in der australischen Kultur für mich einstellte. Doch eine Art Mißtrauen hielt mich ab. Es war, als würde hinter dem nächsten Hügel die Welt aufhören und es diesen Ort namens Docker River gar nicht geben, seine Ankündigung und all das Offene und Unbekannte nur ein hohles leeres Versprechen sein.

Plötzlich sah ich am Horizont eine Gruppe von Kamelen die Straße überqueren. Ich dachte erst, ich traue meinen Augen nicht! Kamele in Australien? Das war mir neu! Erst später erfuhr ich, dass die Wüstentiere im 19. Jahrhundert aus Afghanistan und Indien eingeführt worden waren und es nach neuesten Schätzungen aktuell etwa eine Million Wildkamele auf dem fünften Kontinent gab. So schnell wie sie mir auf der Dirt Road nach Docker River erschienen waren, waren sie auch wieder verschwunden und erst jetzt durch die Geschichte von Robyn Davidson erinnere ich mich wieder an diese eigenartige Begegnung. Ob diese Kamele wohl verwandt waren mit Robyns manchmal störrischen, doch ansonsten sehr treuen Begleitern – Dookie, Bub, Zeleika und Goliath?

Das inzwischen über 30 Jahre alte Buch ist zu einem zeitlosen Klassiker der Reiseliteratur geworden und wurde jetzt mit Mia Wasikowska in wunderschönen und bewegenden Bildern verfilmt. Robyn Davidson legt Wert, darauf hinzuweisen, dass sowohl das Buch als auch der Film jeweils nur Abstraktionen des von ihr Erlebten darstellen können. Nichtsdestotrotz, “Spuren” hinterlässt Spuren in Form einer starken Botschaft: Alles ist möglich. Freiheit bedeutet, zu lernen, sich immer wieder neu auszuprobieren, sich auf das Spiel mit dem Leben einzulassen. Ängste nicht als Stolpersteine sondern als Sprungbretter anzunehmen.

Ein wahrer Schatz in Wort und Bild!