Australien als Auszeit: Where do you go to disappear?

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Die Möglichkeiten für Auszeiten sind vielfältig und können ganz individuelle Formen annehmen. Es kann eine Tasse Tee auf der heimischen Couch sein, ein Spaziergang in der Natur, eine kreative Lieblingsbeschäftigung. Vor einigen Tagen gab ich einen Dot-Painting-Workshop und traf auf Menschen, die scheinbar eine ähnliche Verbindung zu Australien verspüren wie das bei mir ist. In unserem Gespräch mussten wir uns gar nicht viel erklären. Ein paar wenige Sätze und ein wissendes Lächeln reichten für ein gegenseitiges Verständnis völlig aus. Und jetzt frage ich mich: Was ist es, das uns dort hinzieht – an das andere Ende der Welt? Was macht das Besondere an Australien aus?

Zentral ist es das Andersartige, das aus mitteleuropäischem Blickwinkel so fasziniert. Das Gegenteilige, das entdeckt werden möchte, denn es ist die noch fehlende Seite zu einem Gesamtbild, nach dem wir auf unserem Weg vermutlich alle streben. Die Neugier auf das Unbekannte, das sich hinter fremden Kulturen mit all ihren Geschichten, Mythen und Erkenntnissen verbirgt. Der Einblick in eine andere Lebensweise, von der eine sehr starke Inspiration ausgehen kann, das eigene Leben zu hinterfragen und damit womöglich einen Kreis zu schließen.

Kreise haben eine zentrale Bedeutung in der Kunst indigener Völker und so auch in der Aboriginal-Kunst, besonders in den Regionen der Wüste. Sie stehen für heilige Stätten – Orte der Begegnung. Sei es nun ein Lagerfeuer, ein Wasserloch oder die Begegnung mit sich selbst. Ozeanien ist unser am dünnsten besiedelter Kontinent, hier gibt es weniger Ablenkung und Zerstreuung als anderswo.

Die Leere der Wüste hält eine wahrhaftige Abgeschiedenheit bereit, die es so heutzutage woanders nicht mehr gibt. In einem Zeitalter, in dem man das Gefühl nicht loswird, auch an den entlegensten Orten pixelgenau durchleuchtet zu werden. In dem auch das kleinste Geheimnis gelüftet zu sein scheint und so gut wie alles mit Logik und Fakten erklärbar ist. Erobert von den Errungenschaften unserer sogenannten fortgeschrittenen Zivilisation. Eine Auszeit im Outback ist nicht geprägt von Denken und intellektuellem Wissen, sondern ein Erlebnis des Spürens:

“Die australischen Wüsten erscheinen denen, die sie nicht kennen, als leer und unwirtlich, doch für die dort lebenden Aboriginal-Gruppen sind es Orte, die ihre Ahnen erschufen und mit ihren Kräften erfüllten, und sie sind daher reich an spiritueller Bedeutung und physischer Lebenskraft.”

Wally Caruana – “Die Kunst der Aborigines”

Es ist schwer greifbar für uns, die aus einer ganz anderen Welt kommen. Aber tief im Inneren wissen wir, dass viele Antworten auf unsere Fragen dort draußen zu finden sind. Bei den Menschen, die der am längsten bestehenden Kultur unserer Erde angehören. Das Problem ist nur, dass wir die Antworten vor lauter Einfachheit in unserer so komplex gewordenen Welt oft gar nicht als diese wahrnehmen. Wie blind an ihnen vorbeirennen. Sie mit einer hochgezogenen Augenbraue oder einer gehörigen Portion Sarkasmus abtun. Eine laxe Wischbewegung und sie sind wieder von unserem Bildschirm verschwunden.

In der Wüste ist eine Freiheit möglich wie an kaum einem anderen Ort. Erich Fromm hat sie in “Haben oder Sein” einmal als “Symbol des freien, durch keinen Besitz beschwerten Lebens” beschrieben. Es geht darum, das zu sehen, was äußerlich nicht sichtbar ist. Um die Wertschätzung des Lebens auf einer ganz subtilen Ebene. Sich auf das zu reduzieren, worauf es ankommt. Und all dies ist in der Wüste mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit verbunden.

Vielleicht hat die australische Wüste aufgrund der bestehenden Präsenz jener alten Kultur eine tiefere Wirkung auf uns als die heutigen Wüsten anderer Kulturen, die “nur” noch spirituell anwesend sind? Hier gibt es noch die Möglichkeit einer leibhaftigen Begegnung. Die Möglichkeit, die direkte Verbindung zu unseren tiefsten Wurzeln wiederherzustellen, die wir anderenorts bereits durchtrennt haben. Die Möglichkeit, uns persönlich zurückbesinnen zu lassen auf ein jahrtausendaltes, einzig von der Natur inspiriertes Wissen.

Einen Ort zu finden, an dem so ein Erlebnis möglich ist, ist ein Geschenk des Lebens. Aber auf einer klassischen Reisekarte ist er nicht verzeichnet und ob wir in sehen, wenn wir ihn erreichen, liegt ganz bei uns. Die Mittel und Wege, die dorthin führen, sind vielfältig – sei es in einem Wagen mit Vierradantrieb auf den Dirt Roads des Outbacks, zu Fuß immer den Sandhügeln entlang mit einer Schar Kamele an der Leine, punktemalend den Traumpfaden der urzeitlichen Ahnen folgend oder in welcher Form auch immer.

Der Rote Kontinent ist in seinem Herzen ein einzigartiges Wunder, das uns einlädt, im Hier und Jetzt Verbindung mit den Schätzen der Vergangenheit aufzunehmen und mit den Erkenntnissen daraus unsere Zukunft zu gestalten. In jedem Fall also ein außerordentlich gut geeigneter Ort für eine Auszeit!