Die Anziehungskraft einer Stadt, die das Sehen neu lehrt

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New York City inspiriert Menschen mit Kameras seit den frühen Jahren der Fotografie. Seitdem wurde die Ostküstenmetropole unzählige Male abgelichtet und doch hält sie immer wieder neue Motive, Perspektiven und Stimmungen bereit. Mein kürzlicher Besuch der Ausstellung “New York in the 40s” mit Fotografien von Andreas Feininger in den Meisterhäusern von Dessau hat mich dazu bewegt, einmal meiner eigenen fotografischen Begegnung mit der Stadt nachzuspüren.

Alfred Stieglitz trotzte im Jahre 1893 der Ungemütlichkeit eines Schneesturmes, um in seinem Bild “Winter – Fifth Avenue” die düstere Atmosphäre der Stadt an jenem Tag einzufangen. Eine Kutsche kommt die Straße entlang, die Gebäude und Menschen im Hintergrund sind durch das Schneetreiben nur ansatzweise erkennbar, die eisige Kälte wird besonders durch die Anwesenheit des Kutschers spürbar.

Was für Alfred Stieglitz ein Schneesturm auf der Fifth Avenue war, war für mich der Trubel auf dem Times Square. Meine Mission: die grell leuchtenden Reklametafeln bei Dunkelheit mit der Dynamik der sich in ständiger Bewegung befindenden Menschenmassen und Autos festzuhalten.

So baute ich also eines Abends mein Stativ auf einem schmalen Mittelstreifen auf dem Times Square auf und mein soeben im B&H Superstore erworbenes Fischaugenobjektiv kam nun zum ersten Mal richtig zum Einsatz. Inmitten vorbeirasender gelber Taxis und entgegenströmender Menschengruppen arbeitete ich selbstvergessen an meiner Komposition und wartete schließlich geduldig auf das Ergebnis meiner Langzeitbelichtung. Das rege Treiben um mich herum hatte dabei eine seltsam beruhigende Wirkung auf mich.

Trotz Jetlag und müder Knochen zog mich meine innere Neugier nun zu einem Ort, von dem ich bereits am Tage fasziniert gewesen war: das Guggenheim Museum. Ich war gespannt, wie die interessanten Formen des Gebäudes bei Nacht wirken würden. Die Gegend um die Upper East Side am Central Park wirkte im Vergleich zum quirligen Times Square wie leergefegt und ich konnte mein Glück kaum glauben – ich hatte das Guggenheim Museum ganz für mich allein!

Da war er, der Facettenreichtum – das Gegenteil zu dem gerade Erlebten, das sich scheinbar hinter jeder Straßenecke verbergen konnte. Auch in Dessau wird dies an den Werken von Andreas Feininger sehr deutlich. Drei Bilder der Brooklyn Bridge hängen nebeneinander. Die berühmte alte Hängebrücke bei Nacht, im Nebel und bei Tag. Von der Komposition her sind sie nahezu identisch – doch jedes Bild strahlt eine völlig andere, ganz eigene Atmospäre aus.

Eine weitere Gegenüberstellung finde ich bei “New York in the 40s” in ihrer Wirkung noch bemerkenswerter. Auf dem ersten Bild erstreckt sich ein langer breiter Strand auf Coney Island, der im wahrsten Sinne des Wortes mit Massen von Menschen übersäat ist. Daneben befindet sich eine Fotografie des Jüdischen Friedhofes in Queens, das eine ähnlich große Anzahl dicht aneinander stehender Gräber zeigt. Der gemeinsame Bezug auf die Masse löst sich bei längerem Betrachten immer weiter auf, je mehr beide Bilder als Einheit ihre Tiefe entfalten. Menschenmassen und Massenleere. Leben und Sterben. Lärm und Stille. Anwesenheit und Abwesenheit. Bewegung und Starre.

Ob Alfred Stieglitz, Andreas Feininger, Diane Arbus, Vivian Maier oder Walker Evans – je mehr fotografische Werke ich im Laufe der Zeit über New York betrachte, desto klarer wird mir, auf wie vielen verschiedenen Ebenen diese Vielfalt und Kontrastfülle existiert. Wir mögen das Gefühl haben, New York zu kennen – ob wir schon einmal dort waren oder nicht. Doch das, was Marcel Proust einmal so schön über das Sehen in Worte gefasst hat, trifft in ganz besonderem Maße auf diese Stadt zu. Es sind nicht all die bekannten Sehenswürdigkeiten und deren Bilder, die die wahre Entdeckungsreise darstellen, sondern die Art und Weise, wie wir sie betrachten und wahrnehmen.

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