Gariwerd: Der Ursprung des Lebens

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Ich verlasse Melbourne an einem heißen Mittwochmittag, der Kofferraum meines von nun an treuen Reisebegleiters mit Vierradantrieb ist vollgepackt mit Vorräten und Utensilien, die mir die Freiheit erlauben, jederzeit so lange dort zu bleiben, wo es mir beliebt. Mein erster Anlaufpunkt nach gut drei Stunden Autofahrt ist Gariwerd, eine Gebirgskette in Nordwesten von Victoria, die auch als Grampians bekannt ist. Noch ganz im “Stadtmodus” entscheide ich mich gegen eine Übernachtung im Auto und für ein Zimmer mit wunderschönem Ausblick auf die Berge in der Kookaburra Lodge des kleinen aber geschäftigen Ortes Halls Gap. Auf meiner Terasse entdecke ich eine weiß-gelbe Feder und bald auch die dazugehörige Gruppe Cockatoos, die langsam näher kommen und mich mit ihrer leuchtend gelben Haarpracht und den tiefschwarzen Augen eindringlich ansehen. 

Sie sind das Totem dieser Gegend, bei den Aborigines als Brambuk bekannt. Jede Person einer Aborigine-Volksgruppe wird in ein Totem “hineingeboren” und gehört damit einer Gemeinschaft an, in der alle Mitglieder den Namen eines bestimmten natürlichen Objektes tragen. Dies ist gewöhnlich ein Tier oder eine Pflanze, aber es kann auch ein natürliches Phänomen sein wie das Wasser, die Sonne, Wolken oder der Wind.

Brambuk heißt auch das Aboriginal Cultural Centre in Halls Gap, dessen Gebäude in seiner Form einem Cockatoo mit ausgestreckten Flügeln im Flug nachgebaut ist. Am nächsten Tag führt es mich nach einem morgendlichen Spaziergang am Fyans Creek, auf dem mir meine ersten Emus und viele Schmetterlinge begegnen, hierher.

Brambuk ist ein idealer Ort, um ganz in die Kultur und Geschichte der Aborigines einzutauchen. Die Welt um mich herum aus ihrer Sicht sehen zu lernen. Der Lebensweise der Jardwadjali und Djab Wurrung auf die Spur zu kommen – jene Clans, die hier in den umliegenden Bergen und Tälern über Tausende von Jahren lebten und deren Nachkommen die traditionellen Erben dieses Landes sind. Ich erfahre, dass es in dieser Gegend sechs Jahreszeiten gibt, die alle in Verbindung stehen mit den jeweiligen Aktivitäten der Natur. Um gut im Einklang mit diesem Land leben zu können, ist es wichtig, ein Verständnis dafür zu entwickeln, was in ihm vorgeht.

  • Larneuk – die Zeit, in der die Vögel ihre Nester bauen. Normalerweise die feuchteste Zeit des Jahres. Die Flüsse sind voll mit Wasser.
  • Petyan – die Zeit der Wildblumen und der Yam Pflanze. Die Tage werden wärmer, aber das Wetter kann noch wechselhaft sein.
  • Ballambar – die Zeit der Schmetterlinge. Der Anbruch der Sommerhitze, das Land verdürrt, das Wetter wird beständig.
  • Kooyang – die Zeit, in der die Aborigines beginnen, Aale zu fangen. Die heißeste und trockenste Zeit des Jahres, die Flüsse trocknen aus und die Gefahr der Buschfeuer ist groß.
  • Gwangal Moronn – die Zeit der Honigbiene. Das Land kühlt nach der Hitze des Sommers langsam ab.
  • Chinnup – die Zeit der Cockatoos. Es gibt Morgenfrost, Nebel und kalte Winde in dieser kältesten Zeit des Jahres.

Ich stehe vor einem uralten, vernarbten, vor mir auf dem Boden liegenden Baumstamm eines Red Gum Trees, eine Art Eukalyptusbaum, und versuche anhand der nebenstehenden Infotafel zu verinnerlichen, was die Aborigines in diesem Stück Holz sehen.

“Dieser Baum ist ein Symbol für Zeit und Spirit, er ist ein Teil des Landes. Viele Menschen sind an ihm vorübergegangen. Seine Äste, Zweige, Rinde, Blätter, Wurzeln und Aushöhlungen haben einer Vielzahl von kleinen und großen Tieren wie Insekten, Geckos, Wellensittichen, Schlangen, Adlern, Possums, Goannas und Witchetty Grubs Schutz und ein Zuhause gegeben.”

Neben mir erscheint plötzlich das freundliche Gesicht einer Frau meines Alters, die sich als Constanze aus Argentinien vorstellt und fragt, ob ich zufällig plane, heute zu einer der Felsmalereien hinauszufahren, die es in den Grampians gibt. Dies hatte ich tatsächlich nach meinem Besuch im Cultural Centre vor und so begeben wir uns am Nachmittag gemeinsam auf die Serpentinen-reiche Straße über die Victoria Ranges hinweg in den Westen von Gariwerd. Constanze ist Forscherin für Kulturerbe und wie sich schnell herausstellt, folgen wir auf unseren jeweiligen Australien-Reisen in ähnlicher Weise den Spuren der Aborigines.

Der Weg zum Billimina Shelter ist nicht leicht ausfindig zu machen, die ziemlich abgelegene Stätte mitten im Wald ist – vermutlich aus Schutzgründen – kaum ausgeschildert, doch mit vereintem Spür- und Orientierungssinn schaffen wir es schließlich. Die letzte Hürde ist eine 1-km-lange Anhöhe, die wir zu Fuß auf einem schmalen, dichtbewachsenen Pfad überwinden. Dies allerdings mit größter Aufmerksamkeit, um möglichst keine Überraschungsbegegnung mit einer Schlange zu erleben.

Vor uns erhebt sich ein Felsen mit dachartigem Vorsprung, dessen Farben und Strukturen an sich schon beeindruckend sind. Die Malereien darunter bestehen aus unzähligen Strichen, diverse Ebenen im Laufe von mehreren tausend Jahren übereinander gemalt. Rot- und orange-farbener Ocker auf hellem Gestein. Zwei Strichmännchen sind besonders prägnant, ich entdecke auch die Umrisse einer Sonne. Über die Bedeutung der Striche gibt es unterschiedliche Auffassungen. Sie könnten für die Zeit stehen, die Menschen hier verbracht haben, oder für die Anzahl der Personen, die hier zur Eiszeit Schutz gefunden haben. Sie könnten aber auch auf zeremonielle Aktivitäten hindeuten. Es bleibt ein Rätsel, aber für die Wirkungskraft dieses Ortes macht das keinen Unterschied. Er ist die direkte Verbindung zur Vergangenheit, hier können wir mit eigenen Augen einige der ältesten Spuren unserer Menschheit sehen.

Auch am nächsten Morgen haben wir noch einmal Gelegenheit, uns in Form einer Felsmalerei direkt mit der Geschichte zu verbinden. Am Bunjil Shelter treffen wir auf eine menschenähnliche Figur mit zwei Dingos, die für die Aborigines größte Bedeutung hat. Es handelt sich um Bunjil, den Schöpfer des Landes, der Menschen, der Pflanzen und Tiere, aber auch der Gesetze und Werte, nach denen die Aborigines leben und gelebt haben. Er wacht noch heute in Form eines Adlers über dem Land und beschützt alle Wesen. Der dazugehörige Stein ist imposant, fühlt sich warm an und hat etwas sehr Bodenhaftiges an sich – fest verankert mit dem Ursprung des Lebens.

Von hieraus genießen wir einen letzten schönen Blick auf die Gebirgskette der Grampians, bevor es für Constanze Richtung Westen und für mich nach Norden weitergeht. Bei unserem Abschied bringt es Constanze gut auf den Punkt: „It was nice to travel to the heart of the place.“