Hinein ins Innere: Kleine und größere Umwege

Veröffentlicht in: Natur, Reiseberichte, Reisen | 0

Nach drei Tagen am Lake Mungo führt mich mein Weg zurück nach Mildura, um von hier aus weiter Richtung Nordwesten über die Grenze nach South Australia zu gelangen. Mein nächstes grobes Ziel ist der Stuart Highway – jene Straße, die quer durch das Innere des Kontinents den Süden mit dem Norden verbindet und ein wesentliches Teilstück auf meiner Reise zum Uluru sein wird.

Während meiner Fahrt auf dem Highway fegt ein Whirly Whirly auf der linken Seite über das Feld. Wirbelsturmartig jagt er in meine Richtung und ich erinnere mich, wie Tanya mir erzählte, dass die Aborigines glauben, dass ein Whirly Whirly der böse Geist wäre und er sie als Kind mit Genugtuung durch ihre Welt gejagt hatte. Vor lauter Faszination über seine Kraft und Geschwindigkeit verspüre ich kurz den Impuls, auf die Bremse zu treten und anzuhalten, um mir das Spektakel genauer anzusehen, aber irgendetwas lässt mich lieber weiterfahren. Zum Glück! Im Rückspiegel sehe ich wenig später, wie der Wirbel genau an der Stelle mit zehn Metern Höhe und extrem schnellen Drehbewegungen die Straße überquert…

In den südlichen Flinders Rangers finde ich am Abend einen schönen Campingplatz in Melrose am Fuße des Mount Remarkable. Nach der langen Fahrt im Auto habe ich am nächsten Morgen das Bedürfnis, die Gegend zu Fuß zu erkunden und den Tag langsam angehen zu lassen. Ich genieße meine Tasse Instant-Kaffee, die ich mir auf meinem Gaskocher jeden Morgen zubereite – ein lieb gewonnenes Ritual trotz des doch sehr eigenen Geschmacks. Die Sonne steigt hinter mir auf und lässt die riesigen Eukalyptusbäume vor mir im schönsten Morgenlicht erstrahlen. Der Wind ist nicht zu hören, dafür Hunderte von Cockatoos, die mit viel Gezeter aus der Richtung Einkehr halten, aus der sie gestern Abend mit ebenso viel Lärm kamen.

Hinter mir erblicke ich einem im Inneren ausgehöhlten Baum mit einer Öffnung, die so groß ist, dass ich hineingehen kann. Er erinnert mich an den vom Blitz getroffenen Baum, den wir in der ersten Klasse mit unserer russischen Hortnerin Frau Gruch immer besucht hatten. Die gesamte Klasse musste sich dabei hineinstellen, die Augen schließen, sich in bunter Fantasie das Schlaraffenland vorstellen und fest daran glauben, dass wir gleich alle dort sein würden. Als wir die Augen öffneten und enttäuscht feststellen mussten, dass keine Spanferkel und Eistüten über uns hinwegflogen, war es immer jemand anderes, der die Augen nicht richtig geschlossen hatte. Auch ich war einmal die Schuldige und ich muss zugeben, ich hatte manchmal tatsächlich geblinzelt, weil ich es aus Neugier kaum aushielt. Damals schwankte ich zwischen Glauben und Unglauben – immerhin war ich die Klassenbeste und mir konnte keiner so schnell etwas vormachen… 😉 Aber beim Schließen der Augen überkam mich stets diese pure kindliche Hoffnung, dass alles möglich war und wir eines Tages tatsächlich im Schlaraffenland landen würden.

Ich stehe in diesem Bauminneren mit dem gleichen Gefühl wie damals. Er ist innen schwarz, vermutlich ein Buschfeuer, und überall hängen Spinnweben an der Innenseite der Rinde. Interessant ist, dass er gar nicht tot ist. Draußen entdecke ich an der Seite hinter der Öffnung, dass er im oberen Bereich mit grünen Eukalyptusblättern bedeckt ist. Der Eingang in das Innere hat die Form einer Flamme, wie mir jetzt erst auffällt. Wie ich so aus dem Baum heraus auf die anderen Bäume blicke, wird mir klar: Im Inneren eines Baumes zu stehen, ist etwas sehr Besonderes.

Als Wanderweg für den heutigen Tag suche ich mir den Melrose Nature Trail aus, der mich zwar nicht auf den Gipfel des Mt Remarkable führt, jedoch in Form eines Rundganges schöne Aussichten auf ihn und seine Umgebung verspricht. Die freundliche Campingplatz-Besitzerin gibt mir den Rat, ihn in entgegengesetzter Richtung zu erwandern, da man aufgrund der vielen Mountainbike-Tracks in der offiziellen Richtung angeblich leicht vom Wege abkommt. Manchmal schwimme ich gern gegen den Strom, also habe ich nichts dagegen, meiner handgezeichneten Wanderkarte entgegen der Pfeilrichtung zu folgen.

Frohen Mutes bewege ich mich auf leichten Wegen durch die im Vergleich zu Mungo recht andersartige Landschaft. Es ist viel grüner hier und zum Teil recht dicht bewaldet. Nachdem ich das ausgetrocknete Bett eines kleinen Flusses hinter mir gelassen habe, erhebt sich eine hügelige Berg- und Tallandschaft vor mir, durch die ich in der bereits warmen Vormittagssonne auf meinem zweispurigen Weg hinauf- und hinablaufe. Auf meiner Karte erblicke ich den Cathedral Rock, den ich bereits in seiner kirchenähnlichen Form in der Ferne ausmachen kann, und entschließe mich kurzerhand zu einem kleinen Abstecher, um ihn mir näher anzusehen.

Dabei entdecke ich eine Wiese mit vielen lilafarbenen Wildblumen, hinter der sich das von hier aus sehr bemerkenswerte Antlitz des Mt Remarkable erhebt. Die berüchtigten Bike Trails beginnen langsam, mich durcheinander zu bringen, obwohl mir das in dieser Richtung eigentlich ja gar nicht passieren sollte. Und dann ist mein Weg plötzlich zuende: Er hat mitten ins kniehohe Gras geführt und das war’s!

Angesichts der Tatsache, dass ich mich auf dem Kontinent mit den gefährlichsten Tieren der Welt befinde, gebe ich nach einem unmotivierten aber dafür umso beklemmenderen Versuch, mich durch das Gras zu wagen, recht schnell auf und entscheide mich für den nächstbesten Bike Trail. Er ist extrem schmal, hat eine tiefe abgerundete Furche und ich habe Mühe, beim Gehen das Gleichgewicht zu behalten. Aber was noch viel schlimmer ist: Er schlängelt sich serpentinenartig (will sagen: auf ellenlangen und ach so unnötigen Umwegen) durch die Umgebung, so dass ich mich alsbald dazu entschließe, die nächste Anhöhe querfeldein hochzuklettern – in der Hoffnung, dahinter meinen Weg wiederzufinden.

Ich komme an einen Bike Trail, der laut Karte schräg hinüberführen und sich dann mit meinem verlorengegangenen Wanderweg kreuzen soll. Plötzlich steht ein weiterer ausgehöhlter Eukalyptusbaum vor mir, mit einem Eingang meiner Größe, der geradezu dazu einlädt, für einen Moment inne zu halten. Im Inneren finde ich einen schönen Rückzugsort vor, die Kühle des Schattens tut gut, denn es ist warm geworden und vor allem ist mir warm geworden bei der unfreiwilligen Kletterei.

Die Rechnung mit der Kreuzung geht leider nicht auf. Der Radweg führt nicht zurück auf meinen Wanderweg sondern in schwungvollen Linien geradewegs zurück in die Richtung, aus der ich soeben gekommen bin. Ich erblicke ein hüpfendes Känguru am Berg über mir und beschließe ihm zu folgen. Der Aufstieg ist anstrengend und ich verfluche die Karte und die chaotischen Fahrradwege, die scheinbar ziellos durch die Gegend führen.

Völlig außer Atem komme ich oben an und drehe mich um. Ein ausgehöhlter Eukalyptusbaum erhebt sich vor der weiten Kulisse des Tals, ein wunderschöner Anblick. Ganz oben trägt er Äste und Zweige mit grünen Blättern. Als ich näher komme, bemerke ich, dass er nicht nur vorn eine flammenförmige Öffnung hat sondern auch hinten: eine Doppelflamme… in den Grampians hatte ich erfahren, dass Feuer in der Kultur der Aborigines eine besondere Bedeutung hat, da es das Land im Gleichgewicht hält. Die Weißen haben eher Angst vor ihm und sind leicht geneigt, es zu löschen statt ihm den gebührenden Respekt entgegenzubringen bzw. auf seine reinigende Wirkung zu vertrauen.

Ich klettere weiter hinauf, am anderen Ende wieder hinunter und erblicke einen Wanderweg mit zwei Spuren, der die nächste Höhe hinaufführt. Ich habe das Gefühl, es ist ein anderer Weg, aber ich nehme ihn. Immer wieder komme ich an Bike Trails vorbei, die im Gegensatz zu meinem Wanderweg ausgeschildert sind. „Und wir Wanderer müssen allein klarkommen, oder was!?“ frage ich mich verärgert. Meine Herzfrequenz nimmt langsam schwindelerregende Höhen an.

Als ich oben ankomme, merke ich, dass ich hier schon einmal war. An der Kreuzung erblicke ich einen weiteren ausgehöhlten Baum. Diesmal ist die Höhlenöffnung zu klein für eine Verschnaufpause, ein Känguru würde vielleicht hineinpassen. Aus dem schwarzen Inneren heraus wachsen drei schmale Stämme schwungvoll miteinander verwoben in die Höhe, an ihren Zweigen grüne Eukalyptusblätter.

Ich folge dem Weg und komme zu einer weiteren Kreuzung. Das Problem mit diesem Wanderweg war, man sah ihn nur, wenn man auf ihm stand. Aus einer anderen Perspektive war er nicht auszumachen, da im Gegensatz zu den tiefen Furchen der Bike Trails, die sich meinem Auge geradezu überall aufdrängten, kaum Vertiefungen sichtbar waren.

Irgendwas in mir will nicht aufgeben und einfach zurückgehen sondern diese Runde schaffen, als Runde. Ich habe noch 300 ml Wasser bei mir, es ist 12 Uhr im Hochsommer in Australien, die Sonne wird bald im Zenit stehen, aber wenigstens der Wind ist auf meiner Seite und bläst mir frische Luft ins Gesicht. Ich nehme meinen Pfad in die unbekannte Richtung auf – fest entschlossen, nicht noch einmal vom Weg abzukommen.

Nur um an die Kreuzung zurückzukehren, an der ich vor fünf Minuten und vor zwei Stunden schon einmal stand. Die Karte führt mich dahin, wo wenige Meter weiter ein Zaun den weiteren Weg versperrt. Und so nehme ich einen kleinen unscheinbaren Weg – den einzigen, den ich an dieser Kreuzung noch nicht genommen habe. Nur um im Kreis zu laufen und an der anderen Kreuzung zu landen, bei der ich vor drei Minuten schon einmal war. Es war ein Teufelskreis!

Ich suche mir ein schattiges Plätzchen unter einem Baum und blicke auf den angeblich so bemerkenswerten Gipfel. Hmmmm… da ist plötzlich wieder einer dieser schwarzweiß gemusterten Schmetterlinge, denen ich vorhin schon begegnete. Ihre punktartigen Muster erinnern mich an die Kunst der Aborigines. Ich werfe verzweifelt einen erneuten Blick auf die Karte und entdecke eine Info, die mir bisher entgangen war. Ich befinde mich auf dem Land des Nukunu-Stammes. In der Sprache der Aborigines heißt der bemerkenswerte Berg „Wangyarra“, was soviel wie fließendes Wasser bedeutet. Ich wette, dass der Lauf des Wassers eine ganz andere Richtung durch diese Landschaft nimmt als diese irren Wanderwege und Bike Trails. Wenn es denn da wäre, aber leider befinden wir uns mitten in einer Dürre…

Ich beschließe zurückzugehen. Wenige Minuten darauf komme ich an eine weitere Kreuzung, und auf der nächsten Anhöhe gleich an noch eine, mit ewig vielen Abzweigungen. Die Bike Trails ziehen sich höhnisch schwungvoll durch die Landschaft. Hierhin, dorthin und mein Wanderweg ist wieder kaum sichtbar! Ich ziehe mit meinem Blick seine Linien nach und finde den Verlauf, ohne mich noch einmal von den Bike Trails verwirren zu lassen.

Der Weg wird immer steiniger, je höher ich auf der nächsten Anhöhe gelange. Oben erblicke ich einen Wegweiser, der die Anhöhe wieder hinabzeigt. Ich sehe keine andere Möglichkeit und folge ihm. Mit grenzenloser Frustration muss ich feststellen, dass ich mich der Kreuzung von vor fünf Minuten nähere. Soeben sind zwei Kängurus etwas weiter unter mir in die rechte Richtung gehüpft. Dem ersten Impuls, ihnen zu folgen, gehe ich nicht nach sondern dorthin zurück, wo der Wegweiser steht. Von oben fällt mir plötzlich auf, dass die Steine, die mich an Flusssteine erinnern, in die Richtung führen, in die auch die Kängurus gerade liefen. Wangyarra, fließendes Wasser – genau das war es! Ich stelle mir Wasser vor und dann ist endlich klar, wo es lang geht. Es ist kein vorgegebener Weg sondern ein behutsames Sich-Vorwärtsbewegen über Stock und Stein. Voller Erhabenheit stampfe ich vorbei am nächsten Wegweiser, ohne noch einmal Notiz von ihm zu nehmen.

Wenige Minuten später stehe ich an der Kreuzung zu Mt Remarkable und blicke für einen Moment in die „richtige“ Richtung des Melrose Natural Trails. Ich bezweifle, dass ich mich ohne den gut gemeinten Ratschlag der Campingplatz-Besitzerin auch verirrt hätte. Aber wie sagte meine ehemalige Kollegin Anke früher immer gern: „Gut gemeint ist meist das Gegenteil von gut.“ 😉

Im Melrose Courthouse Heritage Museum finde ich nach meiner Irrwanderung neben einer erschlagenden Menge an weißer Geschichte auch ein paar wenige aber wertvolle Informationen zu den Nukunu und was mit ihnen geschehen ist. Kupfer und Gold zogen die weißen Siedler einst in diese Gegend. Die Aussicht auf Reichtum, Besitz und ein besseres Leben nach ihren eigenen Vorstellungen konnte sich allerdings nicht erfüllen. Die Begegnungen mit den Aborigines waren von Anfang an konfliktbehaftet, sie wurden von ihrem Land vertrieben und mit Zäunen ausgegrenzt. Nach ihrer Philosophie heißt es: „Du gehörst dem Land, das Land gehört nicht dir.“

Am Ende des Tages lasse ich die Flinders Ranges hinter mir und erreiche in Port Augusta den Stuart Highway. Das weite offene Outback Südaustraliens liegt lockend vor mir und ich nutze die letzten beiden hellen Stunden des Abends noch aus, um mich mitten hineinzubegeben. Der Stuart Highway ist auf langer Strecke ein einzig gerader Strich in der Landschaft. Da wird auch schon die geringste Kurve zu einem wahren Ereignis! Die Erde rechts und links neben mir ist rot geworden, bedeckt mit Gebüschen verschiedenster Grüntöne. Ich komme an einigen Salzseen vorbei.

Die Nacht verbringe ich auf einem einsamen Caravan-Park in Woomera, der wie ein Armee-Camp anmutet und wie ich auf meiner Erkundungstour herausfinden soll, tatsächlich auch einmal eins war. Die kleine Stadt im Nirgendwo ist seit 1947 Raketentest-Stützpunkt und ich kann zunächst kaum glauben, wo ich da gelandet bin! Unwillkürlich muss ich an Werner Herzogs Film „Wo die grünen Ameisen träumen“ denken. Und daran, was die Raketen mit den Aborigines machten. Die Nacht in Woomera ist sehr unruhig, durchzogen von wirren Träumen. Ich fühle mich weiter entfernt von der Welt der Aborigines als je zuvor. Der Wüstenwind wütet den größten Teil der Nacht so stark, dass das Auto immer wieder hin- und herruckelt. Vor dem Einschlafen überlege ich kurz, einfach das Weite zu suchen, aber genau das war ja das Problem. Es war dunkel und der nächste Ort Hunderte von Kilometern entfernt…

Der folgende Morgen versöhnt mich etwas mit diesem eigenartigen Ort. Im Heritage & Visitor Centre erfahre ich, dass ich mich auf dem Land der Kokatha befinde und die Region viele reiche Traditionen und mystischen Geschichten umgibt. Nach einer Geschichte aus der Traumzeit reisten hier einst Frauen entlang nach Süden zu einem Ort, wo sie in den Boden hineingelangten. Dort verwandelten sie sich und fanden ihren Weg in den Himmel. Zu Beginn der kalten Jahreszeit erscheinen sie noch heute in der Morgendämmerung am Himmel und bewegen sich durch die Galaxie – als die berühmten Plejaden.

Nach einem heißen Tag weit über 30 Grad, den ich größtenteils auf dem Stuart Highway verbringe, erreiche ich Cooper Pedy. Nach fünf Tagen im Auto gönne ich mir eine vollklimatisierte Nacht im Underground Motel in einem sogenannten Dugout. Die selbsternannte Opalhauptstadt der Welt ist zu Tausenden von diesen Dugouts umgeben – jene hügelartigen Ausgrabungsstellen, die sich weit über die Felder ziehen und hier angesiedelten Schatzsuchenden aus mehr als 45 Ländern Hoffnung auf ihr Glück machen. Hier ist es so heiß, dass nicht nur die Häuser unter Tage sind, sondern auch die Kirchen. Die Gegend ist bei den Aborigines als Umoona bekannt, was „langes Leben“ bedeutet. Kurioserweise begegnet mir genau das Gegenteil bei meinem Besuch des hiesigen Friedhofes auf dem Boot Hill. Die Lebenserwartung der hier Ruhenden erscheint mir mit durchschnittlich etwa 50 Jahren doch recht kurz. Ob es wohl an der Gefährlichkeit der Opalsuche liegt oder doch eher am Alkohol? Letzterer gehört zur traurigen Realität dieses Ortes. Auf der Straße begegnen mir zum ersten Mal viele Aborigines, die trotz öffentlichen Alkoholverbots leider einen sehr verwahrlosten Eindruck hinterlassen.

Die Tage vergehen und ich verliere langsam mein Gefühl von Zeit. Die Uhr im Auto zeigt längst nicht mehr die Ortszeit, ich befinde mich in einer anderen Zeitzone und richte mich immer mehr nach dem Sonnenlicht. Ebenso schwindet mein Bedürfnis, an einem bestimmten Tag am heiligen roten Felsen anzukommen.

Bei einer abendlichen Erkundungstour auf den Schotterpisten der Umgebung von Cooper Pedy schnuppere ich die Abenteuerluft des Outbacks. Es ist ein so ganz anderes Gefühl, auf einer unbefestigten Straße zu fahren, und so kommt es wie es kommen muss: Am nächsten Morgen treibt es mich nicht wie geplant zurück auf den so bemerkenswert geradlinigen, asphaltierten Stuart Highway sondern mitten hinein ins Unbekannte. Mein Ziel ist das Painted Desert, eine aus buntem Gestein bestehende Gebirgslandschaft in der Wüste.

Der Track in die abgelegene Gegend ist recht steinig und ich hoffe von Beginn an, bei meinem neuen Abenteuer keinen Reifen zu verlieren. Die Spur ist breit und in den nächsten Stunden kommen mir gerade einmal eine Handvoll Autos entgegen, so dass ich mich voll auf das Ausweichen spitzer Steine konzentrieren kann. Ich komme an einer Landschaft namens Moon Plain vorbei, die mit ihren unzähligen, transparenten, in der Sonne glitzernden Steinen tatsächlich an die Mondoberfläche erinnert – zumindest so, wie ich sie bisher auf Bildern gesehen habe. Unvermutet passiere ich die Überreste eines alten verlassenen Oldtimers am Straßenrand – ein Bild, wie es mir schon so oft im Outback begegnet war, aber dennoch immer wieder rätselhaft bleibt.

360 Grad unendliche Weite um mich herum, das Rotbraun der Erde setzt sich kontrastreich vom strahlenden Blau des wolkenlosen Himmels ab. Die Temperaturanzeige im Auto steigt im Zehn-Minuten-Takt, am Horizont flimmert die Hitze. Ich halte ab und zu an, muss einfach innehalten und diese Einzigartigkeit ganz in mich aufnehmen. Dabei bin ich so versunken, dass ich fast nicht bemerke, dass neben mir ein Auto hält. Ein Aborigine sitzt am Steuer und kurbelt die Scheibe herunter, ich tue es ihm gleich. „Ist alles okay?“ fragt er in Ruhe ausstrahlender, tiefer Stimme und ich bejahe. Hier draußen ist man stets bedacht auf das Wohlergehen und die Sicherheit eines jeden Reisenden.

Vom Straßenrand leuchtet mir bald darauf fröhlich ein quadratisches gelbes Zeichen mit dem Wort „Dip“ darauf entgegen. Es kündigt eine Art Senke an, die vor mir auf der Straße erscheint und sich im Folgenden mehrere Male wiederholt. Ich fahre durch sie hindurch, ohne auf die Bremse zu treten – die Reifen sind mir in dem Moment egal. Ein tolles Gefühl, so wie damals im Schlenker-Ikarus, unserem Schulbus, ganz hinten auf den Sitzen der letzten Reihen. Wir warteten auf unserer täglichen Fahrt zur Schule immer eine ganz bestimmte Stelle ab, an der sich die Straße ähnlich senkte wie hier, und flogen dann mit freudigem Jauchzen von unseren Sitzen hoch in die Luft. Und wer ganz hinten saß, flog am Höchsten.

Kurz bevor ich das Painted Desert erreiche, komme ich an der Arckaringa Station vorbei, einer Farm, die Unterkünfte anbietet, wie mir ein Schild vor dem Anwesen verrät. Kurzentschlossen fahre ich hinauf und erkundige mich bei einer jungen blonden Frau nach einer möglichen Bleibe. Sie bietet mir eine angenehm kühle, containerartige Kabine auf dem Hof ihres weitläufigen Grundstücks an, die ich dankbar annehme. Katie ist frisch gebackene Station Managerin und lebt seit einigen Wochen mit ihrem fünfjährigen Sohn Aaron, dem Hund Timmy und ihrem Mann hier draußen. Dank ihrer Gastfreundlichkeit habe ich nun die Möglichkeit, die bemalte Wüste, die bekannt dafür ist, je nach Lichteinfall die unterschiedlichsten Farbspiele hervorzubringen, zu verschiedenen Tageszeiten zu sehen.

Meine höchsten Erwartungen werden übertroffen, ich erlebe ein Naturschauspiel der besonderen Art. Jeder Berg dieser Landschaft ist ein neues Kunstwerk und um die Ecke wartet schon das nächste. Ich kann mich kaum satt sehen. Erst mittags, dann abends und noch einmal im Morgenlicht. Rot, braun, gelb, orange, lila – in den verschiedensten Schattierungen – Schicht für Schitt von der Zeit freigelegt, spitze Berge und flache Tableaus wechseln sich dabei ab. Außer der Familie auf der Farm treffe ich während des gesamten Aufenthaltes am Painted Desert auf keine Menschenseele. Vor dem Hintergrund dieser Leere und Abgeschiedenheit wirkt dieser Ort unwirklich aber auch unglaublich. Ich ertappe mich ein paar Mal bei dem Gedanken, dass bei dieser Farbintensität doch nicht nur die Natur ihre Hand im Spiel haben kann. Die Erde zeigt selten die Schönheit ihrer verborgenen Schichten, aber hier kommen sie in allen Nuancen ans Tageslicht.

Mit reichlich rotem Staub bedeckt kommen der Toyota und ich schließlich an die Kreuzung, die nun zurück auf den Stuart Highway führt, den ich vor zwei Tagen weiter südlich von hier verlassen hatte. Ein Abstecher von mehreren Hundert Kilometern war da zusammengekommen und ich bereue nicht einen von ihnen.