Van Gogh im digital bearbeiteten Original

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Kürzlich sah ich mir in Amsterdam die neueste Van-Gogh-Ausstellung “My Dream Exhibition” in der Beurs van Berlage an. Auf einem großen Werbebanner im Zentrum der Grachtenstadt hatten mich zunächst die 3D-Animationen neugierig gemacht, durch die die Gäste in eine neue Dimension der sieben berühmtesten Van-Gogh-Werke eintauchen sollten. Doch schon zu Beginn meines Rundganges merkte ich, dass mich eher ein anderer Teil der Ausstellung innerlich beschäftigte: die digital aufbereiteten Reproduktionen von 200 Werken des niederländischen Künstlers, die chronologisch durch seine Schaffensjahre führten.

Bei den Reproduktionen handelte es sich um fotografische Drucke, die digital so bearbeitet waren, dass sie dem Originalbild zur Zeit der Entstehung in Farbe und Kontrast wieder entsprachen. Van Gogh hatte für seine Bilder die ersten synthetischen Farben verwendet, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Neuheit auf den Markt gekommen waren. Diese Farben verblichen allerdings mit der Zeit bzw. änderten ihren Farbton und so wurde Blau zum Beispiel zu einem Grünton, Hellgelb wandelte sich in einen bräunlichen Ton und Rot verschwand häufig völlig von der Bildfläche.

In der direkten Gegenüberstellung einiger nachgedruckter Originale im heutigen Zustand und deren aufbereitete Fassungen des damaligen Zustandes wurde der Unterschied deutlich klar: Erstere wirkten flach und in ihrer Farbintensität um einiges wirkungsloser. Vor mehreren Jahren hatten mich die Originalgemälde bei meinem Besuch im Van Gogh Museum keineswegs enttäuscht, aber nun war ich doch überrascht, dass ich dem ursprünglichen Kunstwerk ausgerechnet mit einer digital bearbeiteten Nachstellung visuell näher war.

Im Rahmen meiner Fotografie kommt das Thema Bildbearbeitung im Dialog mit dem Publikum häufig auf und bis zu einem gewissen Grad ist es für mich so wie mit dem Original und der Reproduktion in dieser Ausstellung.

Wenn ich durch den Sucher meiner Kamera blicke und mein Bild komponiere, habe ich eine Vision. Auch wenn mein Ideal das perfekte Foto direkt aus der Kamera ist, lassen es bestimmte Gegebenheiten nicht immer zu, das Bild so einzufangen, dass es dieser Vision entspricht. Dies können technische Einschränkungen der Kamera oder des Objektivs sein, aber auch die Vergänglichkeit eines Momentes, die manchmal keine Zeit für eine durchdachte Komposition oder Einstellung erlaubt – besonders in der Eventfotografie, Straßenfotografie und Tierfotografie.

In diesen Fällen bearbeite ich meine Bilder, um sie in einer bestimmten Absicht bzw. für einen bestimmten Zweck zu optimieren, d.h. sie meiner ursprünglichen Vision (= Original) so nah wie möglich zu bringen. Die Methoden und Mittel sind dabei in unserer heutigen digitalen Welt fast grenzenlos und mit wenigen Handbewegungen ist der Bildausschnitt aussagekräftiger, die Farbtemperatur korrigiert und der Kontrast wichtiger Feinheiten besonders herausgestellt.

Zum Prozess der Bildbearbeitung gehört für mich aber auch das Experimentieren mit neuen Ansichten sowie die Entdeckung von wertvollen Details, die ich zuvor nicht unbedingt wahrgenommen habe. Indem ich mir die Zeit nehme, mich mit meinem Bild künstlerisch auseinanderzusetzen, werden mir erst seine tieferen Dimensionen bewusst. Erkenne ich dabei neues Potential, kann mein Bild in der Endfassung durchaus sehr von der ursprünglichen Vision abweichen.

Je nach Aussage, die ich zum Ausdruck bringen möchte, kann dieser Prozess in einer starken Verfremdung des ursprünglichen Bildes enden – z.B. durch einen Filter, der eine bestimmte Kunstrichtung imitiert – oder in einer Bildmanipulation durch das Wegstempeln störender bzw. von der Aussage ablenkender Bildinhalte. Die Vision steht daher nicht unabänderlich fest sondern entwickelt sich mit neuen Ideen weiter oder nimmt eine völlig neue Form an.

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