Auf dem Couchtisch liegt sie – die neueste Sammlung von kleinen und diesmal auch etwas größeren bunten Steinen, die der heutige Besuch in der Naturschatzkammer hervorbrachte. Eigentlich waren wir auf dem Weg nach Warnemünde zum Shoppen gewesen, aber als sich vor uns ein Stau entwickelte, auf den wir keine Lust hatten, bogen wir ab und fuhren stattdessen mitten in den Wald nach Neuheide.
Auch wenn es auf den ersten Blick nicht den Anschein erweckte, konnte man auch hier viel Spaß beim Geldausgeben haben. Mineralien, Edelsteine, Fossilien, Muscheln und was die Natur sonst noch so an schönen Dingen hervorbrachte, gab es in einer einzigartigen Sammlung zu entdecken. Die eigentliche Ausstellung kannten wir bereits von einem unserer vorherigen Besuche – daher ging es direkt in den Museumsshop, der mit sage und schreibe 300.000 Verkaufsartikeln eine fast erschlagende Fülle an Eindrücken bot.
Kaum hatte ich den Raum betreten, zogen mich die ersten bunten Steine bereits in ihren Bann und ich vergaß alles um mich herum. Ich schwelgte mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht in farbenfrohen Glücksmomenten und konnte mich kaum satt sehen an dieser Vielfalt aus bunten Formen und Mustern. Wie konnte nur jemand auf so geniale Kunstwerke kommen? Immer wieder neu. Immer wieder anders. Immer wieder Erstaunen und Faszination. Ein riesengroßer Raum voller Kreativität der originellsten Art. Mir blieb streckenweise der Mund offen stehen und das war nicht mein erster Besuch hier! Es war das reinste Paradies für meine Künstlerinnenseele und ich bedankte mich beim Universum, dass es den Stau verursacht hatte.
Ich erinnere mich daran, dass ich vor vielen Jahren in einem ähnlichen, aber sehr viel kleineren Laden mitten im hektischen Rom gewesen war. Genau dort, wo ich meine allerersten Rosenquarze und Lapislazulis bestaunt hatte, hatte meine Begeisterung für Edelsteine seinen Anfang genommen. Das tiefe Blau in Kombination mit den feinen Goldäderchen hatte schon damals das Gefühl in mir geweckt, dass hier ein besonderer Künstler am Werke war. Aber trotz aller Schönheit für das Auge schien noch mehr dahinterzustecken. Auf einem Stuhl im Laden saß ein blinder Mann, der sich jeden Tag dort neben den Steinen niederließ, um deren positive Energie zu spüren – so erzählte es uns der Ladenbesitzer. Für mich war dieser Gedanke damals neu und, um ehrlich zu sein, auch etwas verrückt. Es waren bunte Steinchen, die zugegebenermaßen hübsch anzusehen waren, aber das war es dann auch… Oder?
Irgendwie ließ mich diese Begegnung nicht los und als ich wieder zu Hause war, suchte ich nicht nur den nächstgelegenen Laden für Edelsteine auf, um meine neue Sammlung ordentlich in Schwung zu bringen, sondern kaufte mir auch ein Buch über ihre Wirkung. Es eröffnete sich mir eine ganz neue Welt. Jeder Stein hatte eine spezielle energetische Schwingung und konnte damit auf körperlicher Ebene bestimmte Beschwerden heilen bzw. wirkte sich anderweitig positiv aus. Auch wenn ich meine Steine danach immer noch vom künstlerisch-visuellen Aspekt her auswählte, so warf ich doch immer mal wieder einen Blick in mein schlaues Buch und nahm ihre unsichtbaren Kräfte gern als allgemeine Impulse mit.
Zurück in die Gegenwart. Ich drehte meine fast heilig anmutenden Runden im Museumsshop der Naturschatzkammer und stellte aus dem Augenwinkel heraus erleichtert fest, dass auch andere Gäste mit bedächtiger Miene in Endlosschleifen durch den Raum kreisten. Nachdem meine Augen ihre überbordende Freude einigermaßen ausgekostet hatten, beruhigte sich der Begeisterungstanz meiner Neurotransmitter schließlich so weit wieder, dass ich nicht mehr den ganzen Laden mitnehmen wollte, sondern nun die Steine wahrnehmen konnte, die wirklich zu mir sprachen. Die eigentliche Einkaufstour konnte also beginnen.
Ich erblickte einen Hand-schmeichelnden Ozean-Jaspis in Braun-, Weiß- und Beigetönen mit sonnengelben Sprenkeln, die so eine fröhliche Leichtigkeit ausstrahlten, dass ich auf der Stelle den Entschluss fasste, den Stein in meine persönliche Sammlung aufzunehmen.
Auch ein oval-förmiger, grünlich grau schimmernder Jade-Anhänger schien es mir angetan zu haben. Ein bisschen ähnelten seine Farben der Mondoberfläche bzw. dem, wie ich sie mir vorstellte, wenn ich die mysteriöse Leuchtkugel manchmal im Dunkeln am Himmel betrachtete. Seine schwarzen Flecken mit ihren verschwommenen Rändern erinnerten mich unwillkürlich an Schwarze Löcher, was den Stein noch geheimnisvoller wirken ließ. Meine Faszination für das Rätselhafte gewann die Oberhand und das kleine Stück Jade musste mit.
Als nächstes hielt ich vor einer Kiste mit Chrysanthemen-Steinen inne. Von deren schwarzer Oberfläche hoben sich mit schwungvollem Pinselstrich in zurückhaltendem Hellgrau gemalte Zeichnungen der namensgebenden Blume ab. Ich suchte mir das Exemplar aus, dessen Chrysantheme aussah wie ein im Weltall explodierender Stern und stellte mir vor, was für eine immense Kraft mit diesem Knall freigesetzt wurde. Schon allein dieser Gedanke erzeugte so eine kribbelnde Energie in mir, dass der Stein ganz automatisch in meinen Einkaufskorb wanderte.
Nun wurden die potentiellen Neuzugänge meiner Sammlung zunehmend größer: Von der einen Seite betrachtet hielt ich einen relativ unscheinbaren Stein von der Größe eines Hühnereies in der Hand. Von der anderen Seite aber war er aufgebrochen und offenbarte sein transzendent wirkendes Inneres in Form von unzähligen kleinen, transparent funkelnden Kristallen, die an der inneren Steinwand emporgewachsen waren. Der leere Zwischenraum dieser Quarz-Geode erinnerte mich an meine Aufenthalte in verschiedensten Höhlen, in denen ich mich stets sicher und wohl gefühlt hatte, egal wo auf der Welt sie sich befanden. Dieses Gefühl der glitzernden Geborgenheit wollte ich mit nach Hause nehmen, also gehörte nun auch die Quarz-Geode ab sofort zu mir.
Und last but not least: Für das größte der heutigen Sammlerstücke brauchte ich etwas mehr Bedenkzeit, obwohl ich eigentlich schon im ersten Moment um die Besonderheit des Steines wusste. Der Ozean-Jaspis in Handgröße stand aufrecht wie ein Denkmal im Regal und warb mit all den anderen Steinskulpturen um meine Aufmerksamkeit. Ich hatte zunächst nur Augen für die intensiven Farbspiele und schönen Muster der anderen Steine. Ich nahm einige in die Hand, begutachtete sie eingehend, überlegte hin und her. Stellte sie wieder zurück. Sie sahen schön aus, aber irgendetwas fühlte sich nicht richtig an. Es dauerte eine Weile, bis ich den Ozean-Jaspis in die Hand nahm und genauer betrachtete. Die Farbkombination war nicht unbedingt ein Hingucker. Die linke Seite des Sockels war mit seinen dunklen Grau- und Grüntönen etwas trist und der Hintergrund des restlichen Steins ging eigentlich gar nicht! Ein blakiges Braun, das mich an Schlamm erinnerte, schaute mir entgegen. Ich stellte mir diesen Braunton in meinem Wohnzimmer auf dem Schreibtisch vor und musste innerlich heftig mit dem Kopf schütteln. Ich stellte ihn zurück ins Regal, drehte eine Runde, nahm noch ein paar Alternativen in Augenschein und kam wieder.
Ich sah mir den Stein von weiter weg an und plötzlich war es, als würden meine Augen sich nach innen wenden und ich erkannte auf dem schlammigen Braun unzählige kleine Punkte in verschiedensten Orange- und Gelbtönen hell erleuchten. Es waren so viele, dass ich mich in ihrer Magie, die mir seltsam bekannt vorkam, fast verlor. Sie waren auch vorher schon dagewesen – ich hatte sie äußerlich wahrgenommen, als das was ich sie im Einzelnen waren: Punkte. Jetzt aber sah ich einen Lichtschimmer, eine strahlend goldene Milchstraße. Sie sahen aus wie… nun ja, wie pure magische Energie. All das, was ich die ganzen Jahre nicht sehen konnte, hatte die Natur über wer weiß wie viele Jahrhunderte in diesen Stein gepunktet. Und nun stand dieses ganz persönliche Kunstwerk hier genau vor mir und ich sah es verblüfft an. Und ich sah sie, mit meinen eigenen Augen – die Energie der Ewigkeit.
Das was ich sonst innerlich spürte, konnte ich jetzt zum ersten Mal äußerlich sehen. Es war nichts Künstliches, nichts Menschengemachtes – es kam direkt aus der Quelle des Lebens und verband auf so unmißverständliche Art und Weise das Unsichtbare mit dem Sichtbaren. Ein gewisser innerer Friede hielt Einzug – so als hätte ich etwas gefunden, wonach ich lange gesucht hatte, ohne dass ich mir dessen bewusst gewesen war.
Geheimnisvoll
Fröhliche Leichtigkeit
Glitzernd die Geborgenheit
Energie wird zur Ewigkeit
Resonanzmoment









































































